Douglas Stuart – Shuggie Bain

Douglas Stuart – Shuggie Bain

Wer bist du, Shuggie Bain? Kleiner Junge im schmutzigen Glasgow der trostlosen 70er Jahre, ungewöhnlich sauber und ordentlich, hohe Stimme und in vielerlei Hinsicht anders. So anders, dass er stets gehänselt wird. Shuggie ist sensibel und liebt seine Mutter über alles. Doch genau das ist das Problem.

Denn was nach wenigen Seiten klar wird: Eigentlich ist dieses Buch nicht eins über Shuggie Bain, sondern über Agnes, seine Mutter. Es ist die Geschichte ihres Untergangs. Die Erzählung eines Leidenswegs in zahllosen Akten. Es ist eine Symphonie der Tristesse, eine Sammlung von Momenten im Leben einer gebrochenen Frau ohne Perspektive, die zur Flasche greift.
Nach und nach erfahren wir, was sie gebrochen hat. Wie ihr Leben zu dem wurde, das ihr Sohn so mühsam versucht zusammenzuhalten.
Anders als seine beiden älteren Geschwister oder die Männer in ihrem Leben glaubt Shuggie an Agnes. Er sieht noch das Licht ihrer Eleganz. Er sieht noch die schöne, außergewöhnliche Frau, die sie einst war. Er will sie retten. Doch irgendwann muss er sich fragen, ob er dabei nicht selbst dabei verloren geht.

Dieser Roman hat es mir nicht immer leicht gemacht. Ich hatte so sehr gehofft, dass auch Positives passiert oder der kleine Shuggie im Laufe der Jahre eine emotionale Distanz zu seiner Mutter entwickelt. Mir fiel es teilweise sehr schwer, all die Trostlosigkeit und Perspektivlosigkeit zu ertragen. Das Buch konnte ich nur in kleinen Dosen aushalten. Warum ich durchgehalten habe ist aber ganz klar: Der Erzählstil ist stimmig, elegant, und die Figuren so fein gezeichnet, dass man sie nicht gehen lassen möchte.

Der Roman beeindruckt in seiner traurigen Beliebigkeit. Denn dieses Schicksal eines Kindes in einer Alkoholiker-Familie ist nur eines von Millionen. Das wird allein im Setting des von der Wirtschaftskrise gebeutelten Glasgow deutlich. Die Menschen bringen ihren wöchentlichen Lohn mit einer beharrlichen Regelmäßigkeit in wenigen Nächten mit Alkohol durch. Doch sind es Shuggie und seine Mutter Agnes, die in ihrem trüben Glanz aus dem kohleverschmierten Grau der Arbeiterklasse hervorstechen und bei denen man hofft, dass sie einen Weg finden. Einen Weg in ein besseres Leben, in dem sie beide so sein dürfen wie sie eigentlich sind.



Douglas Stuart – Shuggie Bain
übersetzt aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser
Gebunden, 496 Seiten