Doris Knecht – Alles über Beziehungen

Doris Knecht – Alles über Beziehungen

Im März ist ein neuer Roman von Doris Knecht erschienen. Falls ihr euch nun fragt, wer das ist: Vor zwei Jahren ist die Autorin durch ihren außergewöhnlichen Roman “Wald” in aller Munde gewesen. Darin geht es um eine Frau, die sich nach diversen Schicksalsschlägen komplett aus der Zivilisation zurückzieht und in die Einsamkeit des Waldes flüchtet. Der Roman steht seit zwei Jahren auf meiner Wunschliste. Nun ist bereits ihr neuer Roman erschienen und ich habe beschlossen, zunächst diesen zu lesen. Diese Entscheidung habe ich nicht bereut.

Das Setting könnte wohl nicht gegensätzlicher zu ihrem Vorgängerroman sein. In “Alles über Beziehungen” widmet sich Doris Knecht den zahlreichen Affären und Romanzen des übergewichtigen und nicht mehr ganz jungen Viktor. Hier geht es viel mehr um emotionale Einsamkeit als körperliche. Viktor selbst würde dies vermutlich leugnen, wenn man sagen würde, er sei einsam. Er ist Ende Vierzig, Familienvater von fünf Töchtern aus mehreren Ehen und berühmter Theaterintendant. Er ist stets umgeben von Mitarbeitern, jungen Talenten und großen Diven. Und doch schafft er es, sich Zeit für diverse Affären zu verschaffen.
Er selbst bezeichnet sich als hypersexuell – ein modernerer Begriff für Nymphomanie  – und gefällt sich sehr gut mit diesem Begriff. Er ermöglicht ihm, alle Schuldgefühle oder Skrupel gegenüber seiner aktuellen Partnerin Magda komplett abzuschalten. Schließlich ist es nicht seine Schuld, dass er sie betrügt, er leidet an einer ernstzunehmenden Krankheit. Die Bedürfnisbefriedigung mit meist jungen Schauspielerinnen, Ex-Partnerinnen, ja selbst mit Freundinnen seiner Magda stehen für Viktor auf einem anderen Blatt als seine Partnerschaft. Magda liebt er schließlich – innig. So sehr, dass er ihr auch die Ehe verweigert. Nach seiner exzentrischen Logik ein enormer Liebesbeweis – er taugt bekanntlich nicht zum Ehemann. Dies hat er bereits in mehreren Ehen bewiesen. Doch eine Frau ist für ihn nunmal nicht genug. Seine Gedanken sind stets nur wenige Stunden klar, bevor sich wieder alles um Sex dreht. Der Leser folgt seinen hormongetränkten Gedanken und erfährt viel über die Rechtfertigungsmechanismen von untreuen, zugleich sehr besitzergreifenden Männern.

Doris Knecht stellt mit Viktor einen Prototypen des modernen Machos dar. Viktor führt ein recht modernes Beziehungsleben mit Patchwork-Familien, einer Partnerschaft auf Augenhöhe (laut ihm!) und als engagierter, liebevoller Vater. Magda ist eine überraschend toughe Unternehmerin, die weitaus besser verdient als Viktor im Kultursektor und diese Tatsache wurmt ihn. Doch stellt es die Autorin sehr perfide an, wenn sie uns das alles direkt durch Viktors inneren Monolog erfahren lässt. Sein Selbstbild ist jedoch wie er: eher fahrig, ständig von Trieben vernebelt und zutiefst unehrlich.
Es ist unheimlich amüsant, diesen triebgesteuerten Möchtegern-Helden zu begleiten. Herrlich entlarvend sind die Zwischentöne über seine Unsportlichkeit und Tollpatschigkeit, die massiv am überzogenen Selbstbild Viktors kratzen.
Spätestens wenn im letzten Drittel Magda zu Wort kommt und auf alles ein völlig anderes Licht fällt wird deutlich, wie schnell man als Leser Treuelosigkeit und Vertrauensbruch bei einem Mann wie Viktor bereit war zu verzeihen. Und wie falsch es ist.
All die etwas tollpatschigen Liebesabenteuer (so stellt er es verharmlosend dar), all das stets trieb- und lustgesteuerte Handeln und vor allem: all die Gedanken, die sich ausschließlich um Sex und Befriedigung drehen, lassen die eigentlich Leidtragende vergessen und fast unsichtbar werden. In Viktors Gedanken ist kein Platz für Magda und ihre Gefühle. Seine Beteuerungen, dass er sie innig liebe, nimmt man ihm irgendwann nicht mehr ab. Und so bleibt einem das Lachen manches Mal im Hals stecken.

Fazit

Der Schein einer modernen Partnerschaft ist nur ein löchriger Deckmantel für eine Partnerschaft voller (Selbst-)Betrug. Man möchte Viktor keinen Frauenhass unterstellen, doch nimmt sich dieser Mann wesentlich wichtiger als die Gefühle sämtlicher Frauen in seiner Umgebung. Sie sind stets nur Mittel zum Zweck. Er selbst sieht sich wohl als ein idealer Mann, der sich nimmt, was er benötigt – durch und durch egozentrisch und leider nicht so selten, wie man sich wünschen mag.
Doch Doris Knecht lässt ihren Protagonisten unglaublich gekonnt und bissig auf die Realität prallen. Denn die Frauen in diesem Roman sind bei weitem nicht so dümmlich, wie sich Viktor das selbst weismachen möchte. Wer Geschichten über Antihelden mag, wird dieses Buch lieben.

Eure Mareike


Doris Knecht – Alles über Beziehungen
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 288 Seiten, ca. 22,95 €