Die Unschuldigen

Die Unschuldigen

Die Einsamkeit kann ein Geschenk sein. Abseits der rauen Gesellschaft der Fischereihäfen, der verqualmten Kneipen und jeder Krankheitsquelle kann das Leben friedlich sein. So lernen es die Kinder einer Fischersfamilie in einer einsamen Meerenge kennen. Stets getrieben von dem Wandel der Jahreszeiten und im Wechsel der Gezeiten lebt die fünfköpfige Familie in einer kleinen, isolierten Bucht in Neufundland. Nur zweimal im Jahr legt ein Handelsschiff an, nimmt ihren Stockfisch und überlässt ihnen im Tausch Vorräte. Ansonsten haben sie nur einander. Es wirkt fast paradiesisch.

Doch dann sterben die Eltern und die Jüngste. Die beiden Kinder, Evered und Ada, die zwei Jahre jünger als ihr Bruder ist, sind beide der Pubertät noch nicht nah. Sie müssen eine Entscheidung treffen: Wie viel Außenwelt wollen sie in ihre Welt eindringen lassen?
Sie nehmen den Kampf gegen die Wildnis auf, erwerben Fertigkeiten zum Überleben, führen fort, was sie von den Eltern gelehrt bekommen haben.

Der Weg in die nächstgrößere Siedlung scheint ein Verrat an der hier beerdigten Schwester, an der Lebensweise, für die die Eltern sich einst entschieden. Die unbarmherzige Wildnis erscheint ihnen weitaus sicherer und lebenswerter als das Leben unter anderen Menschen.
Und auch ich fragte mich während des Lesens immer wieder, ob sie nicht recht haben mögen. Die Männer, die im Laufe der Jahre immer mal wieder an ihrer Küste ankern, sind kaum eine gute Werbung für die Zivilisation. Die Geschwister wären schutzlos den Gaunereien der Hafensiedlungen ausgesetzt, würden dort vermutlich in Armut und Elend enden. Sie haben keine Bildung und kaum Besitz. Das Wenige, was sie wissen, habe sie in der kurzen Lebensspanne von den Eltern gelernt.

Es liest sich wie ein Abenteuerroman in Tradition einer Robinsonade, doch mit einer latenten Spannung, einer Bedrohung, die über Erzählten schwebt. Es ist die Loslösung von jeglichem moralischem Geflecht, in dem diese Geschichte zweier unschuldiger Kinder spielt, die diesen Roman zu etwas Besonderem macht. Die Kinder haben wenig erlebt, die Eltern bis zu ihrem Tod wenig mit ihnen gesprochen und nur wenige zentrale Glaubenssätze sind ihnen vermittelt worden. Wie kann ein Leben abseits von allen menschlichen Koordinaten und Regeln stattfinden? Wie entwickelt sich ein Mensch so frei und losgelöst am Rande Kanadas in der Einsamkeit? Es ist faszinierend, mit welcher Feinheit Michael Cummney Die Unschuldigen erwachsen werden lässt innerhalb ihrer eigenen Glaubenswelt, ihrem rudimentären Wertesystem. Jede Begegnung mit anderen Menschen hat einen enormen Einfluss auf das, was die beiden denken und fühlen.

Zugleich sieht man als Außenstehender all die potenziellen Gefahren für die beiden, die Möglichkeiten, ihr Unwissen und ihre Abhängigkeit von den Lieferungen des Handelsschiffs auszunutzen. Das ganze Spektrum menschlichen Seins spiegelt sich hier in wenigen Begegnungen, in kurzen Gesprächen und wortlosen Momenten am winterlichen Feuer.

Ich habe den Roman mit wachsender Faszination gelesen und kann auch nach Wochen nach der Lektüre ein Gefühl von Beklommenheit nicht ablegen, wenn ich an diesen Roman denke. Er ging unter die Haut und bleibt. Für mich ein unerwartetes Highlight in diesem Jahr.

Eure Mareike


Michael Crummey – Die Unschuldigen
Übersetzt von Ute Leibmann 
Verlag: Eichborn
Gebunden, 351 Seiten