Die Gesetzlose von Anna North

Die Gesetzlose von Anna North

Dieser Roman ist ein Western. Ein feminististischer Western. Was das bedeutet, hat sich mir erst während des Lesens erschlossen, aber inzwischen finde ich dieses Subgenre so genial. Ich hoffe, dass weitere Titel in diesem Stil folgen werden.

Die Handlung spielt im Jahr 1894 im Wilden Westen. Irgendwo zwischen Fakt und Fiktion ist die Handlung in einer düsteren Parallelwelt angesiedelt, in der eine mysteriöse Grippewelle viele Frauen unfruchtbar gemacht und zahlreiche Dörfer vollständig ausgerottet hat. Die Überlebenden halten sich an die fundamentalistischen Lehren eines Pfarrers. Die Pflicht einer Frau, in der Ehe Kinder zu bekommen, wird zur Obsession und bestimmt das Denken der Gemeinde.
Man hat keine Hemmungen, eine Frau für ihre Unfruchtbarkeit als Hexe zu hängen oder zu verbrennen.
Unter diesen Voraussetzungen ist die Ehe eine große Gefahr.
Als klar wird, dass Ada keine Kinder kriegen kann und der Sheriff kurz davor ist, sie deshalb zum Tode zu verurteilen, flüchtet die Siebzehnjährige zunächst in ein Kloster. Von dort bricht sie auf, um sich der legendären „Hole in the Wall“-Gang anzuschließen. Diese Gruppe von Geächteten um Anführer*in The Kid lebt ein Leben abseits der strengen Konventionen der konservativen Pilger*innen. Ein Safe Space für geächtete Frauen in den Bergen.
Es ist zunächst schwer, für Ada das Vertrauen der sehr diversen Gruppe zu gewinnen. Es herrscht Misstrauen. Zu tief sitzen die Verletzungen und Verfolgungen in ihrer von ihnen.

Ada, die durch die Arbeit ihrer Mutter als Hebamme viel medizinisches Wissen hat, kann der wilden Gang jedoch von Nutzen sein. Hier wird nämlich scharf geschossen, Banken und Viehzüchter überfallen. Deshalb ist eine kundige medizinische Versorgung sehr wertvoll. Doch als die Gruppe den ganz großen Coup plant, wird für Ada immer deutlicher, dass sie sich ihr Leben anders vorstellt.
Anders als im klassischen Western wird hier deutlich, dass es nicht um den Kampf Gut gegen Böse, sondern um das Aufbrechen von Machtverhältnissen geht. Der elegante Perspektivwechsel von Anna North sorgt dafür, dass man den Wilden Westen mit ganz anderen Augen sieht. Hier kommen Frauen, indigene Völker und Männer abseits der Norm zu Wort und zeigen, dass der ach so freie Wilde Westen von sehr starren, heteronormativen und patriarchalen Strukturen durchzogen war.

Zwar gleitet dieser Roman stets an der Grenze zwischen Historischem und Fantastischen, doch macht es gerade den Reiz aus und zeigt umso deutlicher die beschränkte Perspektive alter Western. Das Narrativ des hypermännlichen Helden ist abgenutzt. In diesem Subgenre ist viel Raum für neue spannende Figuren.
Da der Roman auch im Buchclub von Reese Witherspoon gelesen wurde, habe ich ein wenig die Hoffnung, dass uns hier demnächst eine epische Netflix-Verfilmung erwarten könnte. Zu wünschen wäre es.


Anna North – Die Gesetzlose
Übersetzung: Sonia Bonné
Verlag: Eichborn
Gebunden, 335 Seiten