Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer

Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer

Es ist schon einige Monate her, da erreichte mich ein Überraschungspaket von Lovelybooks und Dumont. Neugierig packte ich das Paket, das offensichtlich nicht nur ein Buch enthielt aus. Meine Tochter quiekte vor Begeisterung, als sie die hübsche Kugel mit Goldfisch darin entdeckte. Diese ging natürlich sofort in ihren Besitz über. Er steht inzwischen auf ihrem Maltisch und schaut ihr geduldig bei ihren Bildern von Sonnen und Bäumen zu. Soweit haben sich da wohl zwei gefunden und ich werde sie sicherlich nicht wieder trennen. Goldfisch_27Stock_Somer_Dumont_InstagramDas Zusammentreffen des dazugehörigen Buches und mir gestaltet sich da ein wenig schwieriger. Es handelt sich dabei um das Buch mit dem Titel “Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“. Nun, den Originaltitel “Fishbowl” hätte ich da eindeutig bevorzugt, aber man muss dem orientierungslosen Leser in der Buchhandlung ja einen Hinweis geben, dass es sich bei diesem Buch um ein lustiges handelt. Lange Titel liegen da aktuell im Trend.
Leider habe ich ja bereits erwähnt, dass ich es nicht so mit lustigen Titeln habe. Aber das ist wohl das Risiko, wenn man jemanden mit einem Buch überrascht: Der Überraschte hätte es sich vielleicht niemals selbst ausgesucht. Entsprechend habe ich mich nun eine Weile vor diesem Buch gedrückt, weil ich befürchtet habe, dass es eine eher quälende Lektüre werden würde. Doch da hat mich “Fishbowl” durchaus überraschen können: Es liest sich schnell und zeitweise durchaus unterhaltsam weg.
Das Buch ist für seine knappen 320 Seiten in 55 kurze Kapitel eingeteilt, was das Lesen durchaus beschleunigt.

[lightgrey_box]Goldfisch Ian fällt. Aus dem 27. Stock. Auf seinem Weg nach unten fliegen die Fenster des Wohnhauses in rasender Geschwindigkeit an ihm vorbei – und mit ihnen die Geschichten der Menschen, die dahinter wohnen. Während Ian immer schneller auf den Bürgersteig zurast, fiebern wir nicht nur mit ihm mit, sondern erhaschen durch seine Augen einen Blick auf die Schicksale dieser Menschen. Ein Leben wird dabei beginnen, eines enden, und am Schluss begreifen wir, dass das Glas, das uns vom Rest der Welt trennt, zerbrechlicher ist, als wir glauben. Dann wird auch klar, warum Ian eigentlich fällt – und was passiert, wenn er landet.[/lightgrey_box]

Somer_Der Tag, an dem der Goldfisch_111214.inddDer besagte Goldfisch ist nur einer von sehr vielen Handlungssträngen, die hier erzählt werden. Der Sturz aus dem 27. Stockwerk eines Hochhauses steckt in gewisser Weise den Rahmen, doch natürlich ist er zu kurz, um wirklich eine Rahmenhandlung bilden zu können. Das finde ich sehr schade, denn die Grundidee des Buches ist ja, dass ein beliebiger Tag in diesem riesigen Haus beschrieben wird und die Vielfalt der hier lebenden Menschen beleuchtet wird. Der Goldfisch fällt und sieht für Sekundenbruchteile in ihre Wohnungen und in ihre Leben. Dieses Konzept wird dabei aber nicht konsequent durchgezogen. Es wird mit dem Fall des Fisches begonnen und danach von seinem Alltag im Fischglas berichtet, vom Vormittag seines Besitzers, von der Kennenlerngeschichte des Besitzers und der Frau, die ihm den Goldfisch schenkt und so weiter. Der eigentlich recht klare Faden funktioniert hier einfach nicht.
Leider fiel mir außerdem die Konstruiertheit der Geschichte wiederholt auf. Das genutzte Konzept ist spätestens seit “Tatsächlich Liebe” bekannt und tausendfach in Buch und Film angewendet worden: Verschiedene Menschen begegnen sich, ihre Geschichten werden erzählt, durch Zufälle begegnen sich sie sich in verschiedenen Konstellationen und beeinflussen sich gegenseitig. Ein recht großes und doch überschaubares Ensemble steht über Ecken und Kanten miteinander in Verbindung und die Hauptaussage ist eigentlich immer: Wir alle leben, lieben, leiden, sind jedoch alle miteinander verbunden. Ach schön! Für ein wenig Herzschmerz sind wir ja alle irgendwie empfänglich.
Doch es ist alles eine Frage, wie man dieses Konzept nun neu arrangiert und mit Leben füllt. Für mich hat der Autor hier gepatzt. Es ist zu offenkundig, dass hier alles reingequetscht werden musste: Eine Geburt steht einem Tod gegenüber, eine Trennung einer zarten Verliebtheit/Kennenlerngeschichte, Einsamkeit trifft auf Promiskuität, yeah. Alles da. Dazwischen ein pseudointerlektueller Erzähler, der über einen Goldfisch philosophiert.
Es gibt da eine Szene bei Douglas Adams “Per Anhalter durch die Galaxis” über eine fallenden Pottwal, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

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Meiner Meinung nach vermischt Somer nun diese grandiose Szene mit einem “Tatsächlich Liebe”/”Valentinstag”/RomCom-Evergreen, was total in Ordnung ist, denn im Endeffekt ist alles ein Mashup. Doch dann sollte man es bitte, bitte ein wenig eleganter, ein wenig lustiger lösen. Die Figuren wirken einfach hölzern, es werden zu häufig die selben Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, ohne dass es dem Leser einen Mehrwert bringen würde. Das Buch ist unterhaltsam und durchaus eine nette Urlaubslektüre, doch für einen Vielleser bietet er wenig Neues.
Dann doch lieber wieder mal einen Roman von Douglas Adams lesen, die sind einfach abgefahren und großartig und sowieso.
Trotz all meiner Kritik muss ich sagen, das mir das Cover unheimlich gut gefällt. Die Farben sind toll, es ist modern und eindeutig ein Hingucker. Ich wünschte, dass mir der Buchfisch genauso gefallen hätte wie der Coverfisch.

Fazit


Vielleicht sucht ihr ja noch nach einer netten, schnellen Lektüre für die nächste Zugfahrt, den Urlaub oder als Mitbringsel für die Tante. Das Buch ist nicht schlecht, der Autor nutzt nur leider das Potenzial seiner Idee nicht aus, weshalb alles ein wenig konstruiert wirkt. 
kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Mareike

Übrigens konnte Primeballerina das Buch noch im letzten Drittel überzeugen, Kapri-zioes bleibt das Buch zu sehr an der Oberfläche, doch fand es insgesamt nett. 


Bradley Somer – Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel
Verlag: Dumont
Taschenbuch, 320 Seiten, 14,99€