Delphine De Vigan – Die Kinder sind Könige

Delphine De Vigan – Die Kinder sind Könige

Hier sind sie – die Stars des Internets! Die Kinder sind zu süß, wie sie mit großen Augen Pakete von bekannten und beliebten Marken auspacken. Wie sie staunend Produkte ausprobieren und sich strahlend mit themenbasierten Kostümen schmücken, ist einfach bezaubernd. Die Klicks sammeln sich von ganz allein. Die Reichweite steigt mit jeder verrückten Challenge und sorgt dafür, dass man neue Kooperationspartner gewinnen kann. Wie gut, dass die Kinder so bezaubernd sind – vor allem die kleine Tochter Kimmy ist ein Publikumsliebling mit ihren großen Kulleraugen.

Doch seit einer Weile sind diese Augen immer häufiger leer und das kleine Mädchen weigert sich plötzlich, eine begeisterte Miene für die Kamera aufzusetzen. Ihre Mutter Mélanie kann diesen Undank und die Arbeitsverweigerung nicht nachvollziehen. Schließlich ermöglicht sie ihren Kindern das, was sie für sich selbst nie erreicht hat: Ruhm und Bekanntheit.

Doch dann zeigt sich die Schattenseite der Aufmerksamkeit: Kimmy verschwindet und schnell taucht eine Nachricht eines Entführers auf. Eine düstere Wendung, die das Leben einer Familie auf der Überholspur mit internationalem Erfolg alles hinterfragen lässt, woran sie die letzten Jahre gearbeitet haben.

Der neue Roman von Delphine De Vigan ist anders als ihre bisherigen Romane. Hier dreht sich alles um eine Medien- und Sozialkritik. Um die Auswirkungen von den neuen Medien und Berufsbildern, die damit entstehen. Vor allem aber auch um das, was es langfristig mit den Kindern macht, die in den Medien gezielt von den eigenen Eltern vermarktet und strategisch eingesetzt werden.

Was aus Kinderstars wird, wissen wir ja inzwischen zu genüge: sei es eine Britney Spears, ein Michael Jackson oder eine Miley Cyrus. Die durch überengagierte, strenge und geltungssüchtige Eltern in die Medien gedrängten Kinder haben alle eins gemeinsam: den Zusammenbruch. Manche erholen sich davon, manche nicht.
In diesem Roman wird das Thema nun in die sozialen Medien, besonders zu YouTube und Instagram verlagert, es wird ein Blick in die Zukunft dieser Kinder geworfen und eine sehr düstere Prognose gestellt. Zugleich gibt es diesen Entführungsplot, der durchaus Thrillerelemente enthält.
Dadurch fehlte für mich der warmherzige, detailverliebte Blick auf die Figuren, die sonst den Erzählstil von De Vigans Büchern prägte. Hier bleibt alles kalt und distanziert. Man merkt regelrecht, dass die Figur der Mélanie ein Prototyp eines Lehrstücks sein soll. Sie erfüllt ihre Funktion, steht wie eine Symbolfigur für eine ganze Industrie und bekommt dadurch nicht viel Tiefe.

Das Thema ist wichtig und ein in dieser Deutlichkeit formulierter Roman ist mir bisher noch nicht begegnet. Doch geht das Lesevergnügen hinter der starken Grundidee verloren.


Delphine De Vigan – Die Kinder sind Könige
Übersetzt: Doris Heinemann
Verlag: Dumont
320 Seiten, Gebunden