Deborah Levy – Der Mann, der alles sah

Deborah Levy – Der Mann, der alles sah

“Der fragmentierte Mann”, so heißt das Gemälde, das aus Fotos von Saul Adler erstellt wurden. Und fragmentiert ist auch der Mann selbst. Es scheint, als wäre er bei einem Unfall auf der Abbey Road in mehrere Sauls, in mehrere Wirklichkeiten zerbrochen. Mit diesem Unfall beginnt und endet der Roman und erzählt eine Geschichte von Zersplitterung, Wiederholung und dem, was uns im Inneren zusammenhält. Deborah Levy erzählt es auf so faszinierende, leicht verschrobene Weise, dass sich der Roman wie ein gutes Lied anfühlt: Mit Wiederholungen des Grundmotivs und einzelnen Strophen mit mehreren Bedeutungsebenen.

Dieser Roman beginnt 1988 auf dem legendären Zebrastreifen der Abbey Road, auf dem Saul Adler auf seine Freundin Jennifer Moreau, eine angehende Kunstfotografin, wartet. Sie soll ihn ablichten, wie er den Zebrastreifen überquert – wie einst die Beatles. Doch bevor sie eintrifft, wird er angefahren. Ein Mann steigt aus dem Wagen, stellt Saul seltsame Fragen und verschwindet dann hastig. Saul wird diesem Mann wieder begegnen, im Privatsee von Honecker, in dem auch Saul mit seinem Übersetzer und Lover Walter schwimmt.
Und auch die anderen Figuren in diesem Roman tauchen immer wieder in verschiedenen Rollen auf, sagen den Fall der DDR voraus, oder verschwinden plötzlich.

Doch was davon ist real und auf welcher Zeitebene befindet sich Saul gerade wirklich? Real scheinen nur Gefühle und die Beziehungen zwischen den Figuren. Alles andere ist fließend. Besonders hat mir gefallen, wie Geschlecht und Zuschreibungen von weiblichen und männlichen Eigenschaften fließend zu sein scheinen. Sauls Perlenkette, seine feinen, schulterlangen Haare, das Verbot von Jennifer, ihre Schönheit je in Worte zu fassen… Alles gemeinsam ergibt ein derart stimmungsvolles, mystisches Bild, dass man sich in diesem Roman verlieren mag. Man möchte in dieser eleganten Geschichte mit Beatles-Sound und DDR-Charme, Zeitreisen und jeder Menge Liebeskummer baden, sie festhalten und bewahren. Doch sie entzieht sich einem, wie sich auch die Figuren einer letzten Erklärung entziehen. Wie das Gemälde “Der fragmentierte Mann” in der Fotoausstellung setzt Deborah Levy ihre Figuren ständig neu zusammen und erschafft dafür einen vielschichtigen, gleichzeitig aber kurzweiligen Roman.

Eure Mareike


Deborah Levy – Der Mann, der alles sah
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Verlag: Kampa
Gebunden, 288 Seiten