Coming of Age – bitte nicht!

Coming of Age – bitte nicht!

Kürzlich gab es auf Instagram von Julesandgold die Aufforderung, ihr anlässlich ihres Geburtstags Bücher zu empfehlen, die man in einer bestimmten Lebensphase gelesen hat und die einem zu diesem Zeitpunkt genau im richtigen Moment begegnet waren. Sie suchte Bücher eines Lebensgefühls. Eine sehr schöne Idee, zu der ich gern ebenfalls eine Empfehlung beigesteuert hätte.

Doch nachdem ich mehrere Tage vor meinem Bücherregal auf- und abtigerte, stellte ich fest, dass ich keines der Bücher dafür als passend empfand. Bücher, die mich zu einem anderen Zeitpunkt einmal enorm mitgerissen haben, genau meine Lebensstimmung getroffen oder sogar beeinflusst haben, berühren mich heute eher peinlich. Oder – schlimmer noch – ich weiß nicht mehr, warum sie mich damals so begeisterten. 

Seit meiner Schulzeit habe ich für mich eine Eigenschaft entwickelt, die enorm wichtig für mich und meinen eigenen Seelenfrieden war: Ich schaue nicht zurück. Ich versuche Lebensphasen als solche zu sehen und besonders meine Jugend mit ihren nicht immer schönen Kapiteln hinter mir zu lassen. Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vor zehn oder fünfzehn Jahren war. Ich weiß, dass Dinge, die damals passierten, vorbei sind. Freundschaften aus dieser Zeit existieren nicht mehr, Brücken dorthin sind abgebrochen. Das hat diverse Gründe, nicht unbedingt immer schlechte.

Entsprechend schwer tue ich mich mit Literatur, die sich mit Lebensphasen beschäftigt, die für mich abgeschlossen sind und denen ich mich auch nicht wieder emotional nähern möchte. Besonders wenn es um Jugendliteratur oder Coming of Age-Geschichten geht.

Was macht eine Coming of Age-Geschichte aus?

Im Grunde erzählt eine Coming of Age-Geschichte das Heranreifen eines Jugendlichen. Sie kann grob zum Genre des Entwicklungsromans gezählt werden. Typisch für diese Form ist die Verknüpfung des eigenen Reifeprozesses mit grundlegenden menschlichen Fragen über das Leben, Liebe oder Freundschaft. Die Verbindung liegt nahe. Im Alter zwischen sechzehn und zwanzig stellt man sich meist genau diesen Themen im Zuge des Loslösens von Kindheit und der elterlichen Obhut. Ein großer Teil der Lebenswirklichkeit spielt sich in oder um die Schule herum ab. Highschool, Gymnasium oder Internat – allein das Setting gibt schon viele der Themen vor.

Literarisch wie filmisch gibt es hier zahllose Beispiele, wie dieses Genre gern in Verbindung mit einer Retrospektive daher kommt. Beispielsweise, wenn das ältere Selbst mit milden Blick auf die eigene Jugend zurückblickt, nachdem sie an den Ort der Jugend zurückkehrt. In einem solchen Fall ist die Grundstimmung direkt wehmütig bis melancholisch.

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Ein weiterer Klassiker des Genre: Der sensible Außenseiter, der seinem Alter voraus und darum der ideale Erzähler ist. Schüchtern, gern ein Bücherwurm. Die literarische Karriere und somit Nähe zur Biografie des Autors (kenne ich eigentlich nur in männlich, diesen Typus – Gegenbeispiele gern in die Kommentare) werden hier nicht gerade dezent angedeutet. Die folgenden Ereignisse sind für ihn tragisch bis wegweisend.

Selten handelt es sich bei den Protagonisten dieser Bücher um Gewinnertypen. Nie las ich von einer Hauptfigur, die Literatur nicht mag. Zu sehr bietet es sich an, hier mit Anspielungen auf große Literatur Gewichtigkeit zu suggerieren. Jeder hat ein Taschenbuch vollgeschrieben und zerknittert in seiner übergroßen Jackentasche dabei. Welches ist es wohl dieses Mal? Salinger? Kerouac? Etwas Tiefsinniges findet sich sicherlich.
Nein, der Protagonist ist gemeinhin kein Draufgänger. Wir können hier eher den stillen, beobachtenden und nicht selten unbeholfenen Charakter begleiten und ihn in seinem Prozess vom tapsigen Teenie-Welpen zum gereiften Jungerwachsenen begleiten.

Denken wir an die Romane von John Green, setzt dieser Autor gezielt Schicksalsschläge ein, um den Reifungsprozess seiner “Helden” zu beschleunigen und zu veredeln. Durch den Tod oder das Verschwinden einer für den Protagonisten zentrale Figur muss dieser sich selbst neu im eigenen Leben positionieren, sich mit den oben genannten Lebensfragen auseinandersetzen und innerhalb kürzester Zeit (gern ein Sommer) reifen.

Gut, John Green mag ich das noch verzeihen. Seine Bücher richten sich gezielt an junge Menschen in genau dieser Lebenssituation. Die Bücher sind eher Ventil und Alltagsbeschreibung als klassischer Nostalgieporn. Trotzdem enthalten seine Bücher viele der Elemente, die mich besonders kratzen.

Woran erkennt man sie?

Immer häufiger kamen mir in letzter Zeit aber immer Bücher unter, die auf den ersten Blick nicht als Coming of Age-Geschichte sichtbar waren. Ein Beispiel: “Das brennende Mädchen” von Claire Messud. Ich habe das Buch gelesen und erst nach etlichen Seiten gemerkt, dass es hier nicht um erwachsende Frauen oder junge Frauen Anfang zwanzig geht, sondern die Ausgangssituation nur genutzt wird, um recht schnell in die Jugendrückschau zu wechseln. Man folgt dem recht unspektakulären Leben zweier sehr unterschiedlicher Mädchen, die sich bereits zu Beginn der Pubertät auseinanderleben. Hier wird der gereifte Blick der zurückgekehrten erwachsenen Protagonistin jedoch nicht genutzt, um den schleichenden Prozess des Entfreundens genauer zu analysieren oder in einen größeren, erklärenden Kontext zu setzen. Stattdessen verfällt die Erzählerin in einen rührigen Ton der Naivität und Überraschung. Als könne sie sich auch nach Jahren immer noch nicht die Entfremdung erklären, die für den Leser recht deutlich ist.
Weder das recht zurückhaltende Cover noch der kurze Klappentext waren für mich eine deutliche Einordnung. 

Warum ich nie über den ersten Band der Ferrante-Trilogie hinausgekommen bin, muss ich euch wohl nicht erklären, oder?

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In solchen Fällen ist die Ansprache und Aufmachung des Romans stärker auf ein älteres Publikum ausgerichtet. Diese Romane setzen meines Erachtens bei dem eigenen Bedürfnis nach Retrospektive und Nostalgie an. Ein Beispiel dafür ist für mich “Vom Ende der Einsamkeit“, das jedoch noch einen Schritt über die Jugend hinausgeht, jedoch klar seinen rührigen Fokus auf diesen Zeitabschnitt legt. Hier wird gezielt mit dem Einsatz von Soundtracks und anderen nostalgischen Elementen ein Jugendgefühl heraufbeschworen. Verstohlene Küsse auf dem Internat – seit “Crazy” habe ich eigentlich genug davon. 
Ein weiteres, meines Erachtens nicht ganz so gelungenes Beispiel ist “Sag den Wölfen, ich bin Zuhause” von Carol Rifka Scott, das ebenfalls für einiges Aufsehen sorgte. Auch hier ist es die zarte, sensible Sprache, die eine starke Emotionalisierung erzeugt. Einsame Spaziergänge im Wald und unbeholfene Partybesuche überlagern eine eigentlich interessante Beziehung eines jungen Mädchens zu ihrem exzentrischen Onkel.

Nicht jugendfrei

Ich merke selbst, dass ich mit dieser Form von vornherein sehr kritisch ins Gericht ziehe. Ich lege keinen gesonderten Wert auf einen sentimentalen Blick meiner Jugend oder einen Backflash an all die Unsicherheiten, die diese Zeit mit sich brachte. Vielleicht muss ich, ähnlich wie viele AutorInnen, noch einmal 10 Jahre älter werden, um milder und somit sehnsüchtiger diesen Lebensabschnitt zu betrachten. 
Ich habe in diesem Jahr einfach gemerkt, dass viele Bücher, die bei mir – trotz großer Euphorie bei anderen – hemmungslos durchgefallen sind, wenn sie die oben beschriebenen Elemente enthielten. 

Ist es nun die Lösung, einfach keine Bücher mehr zu lesen, in denen Personen unter 20 Jahre vorkommen? Ich denke nicht, dass das die Lösung ist. Es gibt immer noch zu viele Romane, die mich fesseln können und trotzdem Jugendliche zu Wort kommen lassen. 
Doch wie bei vielen Dingen gilt: Die Menge macht das Gift. Eine Rückblende darf gern helfen, die Figuren und ihre Beweggründe näher zu beleuchten. Nostalgieporn werde ich versuchen, stärker zu vermeiden. 

So, und nun interessiert mich eure Meinung dazu: Coming of Age – Yay oder Nay?

Eure Mareike