Comicliebe|Künstlerinnen

Comicliebe|Künstlerinnen

Neben Büchern greife immer wieder gern zu Comics und Graphic Novels. Meiner Meinung nach hat sich in diesem Bereich in den letzten Jahren einiges getan. Die Szene ist vielfältiger geworden. Besonders die feministischen Themen und die ausdrücklich weibliche Perspektive wird immer häufiger in bebilderten Geschichten erzählt. Immer häufiger nehmen junge Frauen die Graphic Novel als Ausdrucksform ihrer selbst und erzählen aus ihrem Alltag, von ihrer Körperwahrnehmung und zeigen neue Ästhetikwelten. Dadurch können sich die Bilder von Weiblichkeit und die Darstellungsweise des Weiblichen verändern und vielfältiger werden.

Paulina Stulin – Bei mir Zuhause

Dieses gewaltige fast 600 Seiten schwere Werk ist die erste Graphic Novel, die mir mit einem solchen Umfang begegnet. Ich finde es großartig, dass sich die Autorin und der Verlag dazu entschieden haben, dieser Geschichte so viel Raum zu geben. Denn gerade die vielen doppelseitigen Bilder, die Stimmungen und Gefühle in wilden Farben wiedergeben, machen den Charme dieses Buchs aus. Immer dann, wenn Worte fehlen, sind es die Bilder, Farben und Formen, die die Emotionen einfangen.
Man begleitet die Protagonistin durch ihren Alltag als frische Single und Comiczeichnerin in einer Großstadt zwischen Parties, Gesprächen mit Freunden und möglichen neuen Beziehungen. Immer wieder gibt es exzessive Feiern, gute Momente, in denen alles leicht und perfekt erscheint und dann den nächsten verkaterten Morgen, die Selbstzweifel und Rückschläge. Enttäuschte Gefühle, unterschiedliche Erwartungen, der Kampf mit dem eigenen Körper auf unterschiedlichen Ebenen und der Druck von außen und innen.
Ich habe diese Geschichte als sehr authentisch und intim empfunden. Manchmal war der Stil nicht ganz mein Ding, doch passt das Fehlen von Konturen und weicheren Schattierungen zur Geschichte – zu einer Protagonistin, die viel zwischen den Extremen schwankt.

Das Buch beim Verlag

Charles Berberian – Charlotte Perriand

Charlotte Perriand war eine französische Architektin, die in den 40er Jahren eine Weile in Japan lebte und dort maßgeblich ihren von der schlichten Funktionalität der traditionellen Kunst beeinflussten eigenen Stil entwickelte. Ihre dort designten Möbel und Gegenstände sind teilweise noch heute ikonisch.
Diese aus einer Mischung aus Tintenstrichen und Aquarellfarben gearbeitete Graphic Novel erzählt von der unglaublich mutigen Entscheidung von Charlotte Perriand, der Einladung der japanischen Botschaft zu folgen, für ein paar Jahre nach Japan zu gehen, während der Zweite Weltkrieg sowohl in Europa als auch eben in Japan tobte und es immer wieder zu politischen Spannungen kam. Doch sie ließ sich nicht beirren und näherte sich systematisch der japanischen Kultur – vor allem dem Kunsthandwerk in den entlegenen ländlichen Gegenden widmet sie sich mit großer Leidenschaft. Sie entdeckt Bambus als flexibles, elegantes Material, das dem Geschmack ihrer Zeit eigentlich völlig entgegenstand. Eine faszinierende Frau. Ich hätte mir noch mehr Einblicke in ihr späteres Leben gewünscht. Die kurze japanische Episode hat sie nachhaltig geprägt, doch man spürt, dass da noch viel mehr zu erzählen gewesen wäre.

Das Buch beim Verlag

gg – wie dinge sind

In dieser kurzen, sehr zurückhaltend gezeichneten Graphic Novel lernen wir eine junge Frau kennen, die als Tochter asiatischer Einwanderer in Kanada lebt und dort ihrer an Demenz erkrankten Mutter im Alltag hilft. In ruhigen, unaufgeregten Bildabfolgen begleitet man sie durch ihren Tag. Die gewählten Bildausschnitte erinnern an eine interessante Mischung aus Instagram und Collagentechnik. Text gibt es nur wenig, doch wenn, dann sitzt jeder Satz. Kein Wort zu viel wird gesprochen. Dafür nimmt sich die Autorin lieber Zeit, um die Protagonistin in aller Ruhe Gefühle und kleine Bewegungsabläufe durchleben zu lassen.
Ein wenig kurz und etwas vage, aber insgesamt eine nette Geschichte.

Das Buch beim Verlag