CLAIRE ADAM – Goldkind

CLAIRE ADAM – Goldkind

Ich muss zugeben, dass ich bei diesem Titel einfach wegen der Verbindung zum Spitznamen meiner Tochter zugegriffen habe. Ich wusste nicht viel über das Buch. Nur, dass es sich um eine Familiengeschichte mit zwei Söhnen in Trinidad handelt.

Was mich dann erwartete war eine abgründige und soghafte Erzählung über eine Familie, die sich selbst die Welt in Schwarz und Weiß einteilt und deshalb sich selbst zerstört. Peter und Paul sind Zwillinge und werden wie zwei Seiten des Mondes gesehen. Der eine ist ein Überflieger, unglaublich talentiert, erhält jede Förderung und jedes Stipendium. Der andere gilt seit seiner Geburt als zurückgeblieben, denn bei seiner Geburt gab es Komplikationen und es war lange nicht klar, ob bleibende Schäden davon tragen wird.

Die Handlung setzt ein, als eben dieser Junge abends nicht nach Hause kommt. Paul, der Zurückgebliebene, der Querulant mit den langen Haaren und schlechten Noten bleibt in der Dunkelheit des angrenzenden Dschungels. Die Stimmung ist angespannt, denn in Trinidad zieht man sich lieber hinter Zäune und Mauern zurück, wenn die Nacht kommt. Vor allem, nachdem die Familie erst einige Tage zuvor überfallen und ausgeraubt worden ist. Doch auch wenn solche Überfälle zum bitteren Alltag Trinidads gehören, hat er deutliche Risse im Familiengefüge hinterlassen. Man findet nur vorsichtig wieder zueinander.

Zunächst wunderte ich mich, dass die Familie vergleichsweise ruhig blieb, besonders der Zwillingsbruder Peter kaum Interesse an dem Verschwinden zeigt. Doch dann folgten etliche Rückblenden, die deutlich machen, wie unterschiedlich der vermeintlich Zurückgebliebene und das Goldkind in der Familie gesehen und behandelt wurden. Wie alle Hoffnungen auf Fortkommen und Glück an das Vorzeigekind gehängt wurden, ist schon fast erdrückend. Für beide Söhne. Insgeheim hoffte ich, dass sich Paul aus dem verurteilenden Umfeld seiner Familie lösen konnte, einfach geflohen ist in eine bessere, wertschätzendere Zukunft.

Doch Claire Adam erzählt in brutaler Offenheit von einer Gesellschaft, die Menschen wie Paul als Kollateralschaden einfach wegblasen. Das Buch bewegt sich durchgängig auf einem schmalen Grad zwischen alltäglicher Familiengeschichte und brutalem Thriller. Eine solche Mischung habe ich in der Form und mit einem solchen unaufgeregtem Ton noch nie gelesen.
Die Figuren erscheinen wie in einem aussichtslosen Kampf gegen eine tief zerrüttete Gesellschaft leicht extrem in ihren Ansichten und Reaktionen. Wenn man aber immer tiefer in den Alltag und die Vorgeschichte dringt, beginnt man zu verstehen, dass hier alles intensiver, brutaler und eben auch gefährlicher ist als wir es uns in unserem bequemen westlichen Leben vorstellen mögen.

Einziger Kritikpunkt richtet sich an den innenliegenden Klappentext, der leider einen zentralen Punkt aus dem letzten Drittel des Buchs erwähnt und somit einiges vorwegnimmt. Das wäre meiner Meinung nach nicht nötig gewesen.
Ansonsten handelt es sich bei “Goldkind” um einen intensiven, Genremix zwischen Familienroman und Thriller, zwischen Gesellschaftskritik und Gangsterroman. Ich habe eine solche Geschichte nicht erwartet und weiß, dass sie noch nachwirken wird.

Eure Mareike


Claire Adam – Goldkind
Übersetzung: Marieke Heimburger, Patricia Klobusiczky
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Gebunden, 272 Seiten