Christelle Dabos – Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast

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Das Buch "Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast" auf Bettdecke

Dies ist der zweite Band der Fantasy-Reihe “Die Spiegelreisende”.
Wenn ihr den ersten Band noch nicht gelesen habt, ist diese Besprechung quasi ein durchgängiger Spoiler. ;)

Ich habe den ersten vor einigen Wochen als Hörbuch gehört und war nach wenigen Minuten völlig gefesselt. Die Geschichte spielt in einer Welt voller Magie und Rätsel. Begonnen damit, dass die Welt als solche nicht mehr existiert, sondern in viele Teile zerbrochen ist und nun als “Archen” im Raum schweben. Jede dieser Archen hat einen Familiengeist, einen gottähnlichen alterslosen Urahn, der den Charakter der jeweiligen Arche und die besonderen Fähigkeiten der dort lebenden Menschen prägt.

Im ersten Teil verlässt die schüchterne wie ungeschickte Ophelia ihre Arche Anima, um den düsteren und emotionslosen Thorn von der eisigen Arche des Pols zu heiraten. Eine Entscheidung der Familiengeister, eine reine politische Heirat, die Ophelia vom ersten Tag in der neuen Heimat zum Mittelpunkt der Intrigen des Hofes macht.
Mit Müh und Not überlebt sie die Zeit bis kurz vor der Hochzeit, der sie mit großem Unbehagen entgegen schaut. Ihr Verlobter Thorn ist kalt, abweisend und wirkt, als habe er eine Menge Ticks. Doch dieser ist Ophelias geringstes Problem, denn sie ist in den Blick des Familiengeistes Faruk geraten. Der Urahn des Pols bestimmt sie zur Vize-Erzählerin und natürlich gelingt es Ophelia mit wenigen Geschichten einen politischen Eklat heraufzubeschwören.
Gleichzeitig verwinden auf mysteriöse Weise ein paar Minister und Adelige, die zuvor Drohbriefe im Namen Gottes erhalten haben. Genau solche Briefe erreichen auch Ophelia und sie muss sich eingestehen, dass sie Teil eines viel größeren Plans ist, als einer politisch motivierten Heirat.

Magisch und episch wie His Dark Materials

Bereits nach dem ersten Teil dachte ich, dass mich das Setting und vor allem der fesselnde Schreibstil stark an “Der goldene Kompass” von Bill Pullman erinnert. Spätestens mit dem Beginn des zweiten Bandes, in dem Gott und seine Beziehung zu seinen “Kindern”, den späteren Herrschern der Archen angedeutet wird, war ich mir sicher. Die Geschichte ist ebenso vielschichtig und episch wie die berühmte Reihe aus meiner Jugend.
Jedoch mit einem entscheidenen Unterschied: Sie ist viel feministischer.

Ich liebe die Art, wie besonders die Frauenfiguren komplex, uneitel und vielschichtig dargestellt werden. Die Reihe kommt komplett ohne Klischees aus, was eine Leistung ist, beachtet man die Fülle von Figuren, die auftauchen.

Es ist spannend, wie die Themen Selbst- und Fremdbestimmung ausgehandelt und immer wieder neu beleuchtet werden. Die Familienklans, das soziale Umfeld des intriganten Hofes und natürlich die verschiedenen Partnerschaftsmodelle sind so vielfältig wie teilweise extrem. Ophelias Beziehung zu Thorn ist ein perfektes Beispiel dafür. Er sieht eine (passive) Rolle für sie vor, die sie nicht annehmen will und geht immer wieder mit ihm in die Verhandlung. Schrittweise erkämpft sie sich Anerkennung, Respekt und Wertschätzung. Auf dem Weg dahin überrascht sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst immer wieder. Denn erst durch die Reibung mit anderen entwickelt sie sich weiter.

Von Odin, Artemis und dem verrückten Hutmacher

Was ich persönlich besonders liebe: Die vielfältigen und geschickt eingesetzten Anspielungen auf Mythologie und Literatur. Ob nun Alice im Wunderland oder die griechische Sagen: Wer ein wenig aufmerksam ist, findet viele kleine Aha-Momente. Ich halte es für eine große Herausforderung, wenn dies nicht zu auffällig und stimmig in die Handlung eingewoben wird. Das kann Christelle Dabos meisterlich!
Die Urahnen der Archen sind alle inspiriert von mythischen Figuren: Odin lebt im Norden, Midas verformt gern Gold und Artemis liebt Bücher und die Sterne. Doch auch die anderen Figuren erinnern teilweise an literarische Vorbilder. Die unprätentiöse, manchmal etwas forsche Art von Ophelia erinnert sicherlich nicht von ungefähr an Elisabeth Bennet und der große, strenge Thorn wirkt wie eine Mischung aus John Thornton (aus North and South) und (natürlich) Mr. Darcy.

Mein absoluter Favorit ist aber der Botschafter des Mondpalastes Archibald, der mit seinem verbeulten Zylinder, dem schelmischen Grinsen und dem verlotterten Auftreten sehr an den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland erinnert. Eine naheliegende Wahl, bedenkt man, dass Alice auch gern durch Spiegel geht, wie Ophelia!

Und so ist Ophelia zum einen auch Teil dieser Wunderwelt und zum anderen doch auch Besucherin und stets etwas abseits. Schaut verwundert auf die völlig andere Welt am Pol, die nichts gemein zu haben scheint mit ihrer beschaulichen Welt auf Anima. Es ist alles ein wenig verrückt und prunkvoll, aber auch gefährlich und voller Illusionen.

Christelle Dabos’ Welt in “Die Spiegelreisende” ist so lebendig, stimmig und überraschend, dass ich den zweiten Teil mit seinen 600 Seiten innerhalb weniger Tage einfach weggelesen habe. Ich habe es kaum aus der Hand legen können, denn der Stil ist so flüssig und einnehmend, Ophelia entwickelt sich so abseits von Stereotypen und Erwartungen, dass es eine große Freude ist, sie auf ihrem Weg zu begleiten.

Fazit

Die Buchreihe um die Spiegelreisende und ihren mürrischen Verlobten macht unheimlich viel Spaß – und zugegebenermaßen auch etwas süchtig. Ich muss nun bis November warten, bis der dritte Teil erscheint und verfluche mich selbst dafür, dass ich mir die Lektüre nicht etwas mehr eingeteilt habe.

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