Charlotte McConaghy – Wo die Wölfe sind

Charlotte McConaghy – Wo die Wölfe sind

Nachdem ich „Zugvögel“ im vergangenen Jahr sehr geliebt habe, den rauen, teilweise an magischen Realismus grenzenden Stil von Charlotte McConaghy quasi verschlungen habe, war ihr neuer Roman für mich ein Pflichtwerk in diesem Frühjahr.

Während es in „Zugvögel“ um Trauerbewältigung und Loslassen ging, handelt der neue Roman von Traumabewältigung und häuslicher Gewalt. Starker Tobak vor einer rauen Kulisse in den schottischen Highlands. Die Wolfsforscherin Inti versucht hier nach Jahrhunderten wieder Wölfe anzusiedeln und trifft dabei auf viel Widerstand. Die örtlichen Bauern und viele Anwohner treibt aber eine aggressive Urangst gegenüber den Tieren zu irrationalem Verhalten an.
Dabei sind die Wölfe die einzige Rettung für die zerstörte Landschaft. Ähnliche Wolfsaussiedlungen haben ganze Landstriche wieder zum Leben erweckt. Und doch ist mit den Menschen vor Ort kein gutes Auskommen. Als ein Farmer – ein brutaler Mann, der seine Frau misshandelt – tot aufgefunden wird, beginnt zugleich eine Hetzjagd auf die Wölfe und in Inti öffnet sich ein Fenster in ihre Vergangenheit. Sie muss sich ihren eigenen Dämonen, ihrem verschwundenen Vater und dem stellen, was ihrer Zwillingsschwester einst widerfahren ist.

Inti ist eine schwierige Figur. Sie besitzt die seltene Fähigkeit, Gefühle von anderen Menschen und Lebewesen körperlich nachzuempfinden. Sie fühlt Berührungen, Schmerz, Verletzungen, als seien es ihre eigenen. Dies in Kombination mit einer eher distanzierten Sichtweise macht es nicht immer leicht, dem Roman mit Spannung zu folgen. Außerdem dauert es recht lang, bis die Handlung sich zueinander fügt, die verschiedenen Themen sich logisch ergänzen und man das Gefühl hat, tatsächlich einen Überblick zu haben. Ein wenig mehr Straffung an einigen Stellen hätten der Handlung sicherlich gut getan.
Bei „Zugvögel“ hatte ich das Gefühl, dass jeder Satz sitzt, keiner zu viel war. Hier verliert sich die Geschichte etwas. Sie ist trotzdem sehr vielschichtig, verbindet auf interessante Weise Ängste, tierisches und menschliches Verhalten, zeigt Mutterschaft, familiäre Zugehörigkeit in reichen Facetten und verbindet alles zu einem großen globalen Gedanken.


Charlotte McConaghy – Wo die Wölfe sind
Übersetzt von: Tanja Handels
Verlag: s.Fischer Verlage
Gebunden, 432