Carmen Korn – Töchter einer neuen Zeit

Carmen Korn – Töchter einer neuen Zeit

Zu meiner eigenen Überraschung habe ich mal wieder zu einem Buch gegriffen, dass ich schon in die Kategorie “Wälzer” einordnen würde. Ganze 539 Seiten  galt es zu bewältigen. Und am Ende war ich nicht nur überrascht, wie schnell das ging, sondern wünschte mir auch noch ein paar Seiten mehr.

Einer neuen – einer friedlichen – Generation auf die Welt helfen, das ist Henny Godhusens Plan, als sie im Frühjahr 1919 die Hebammenausbildung an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnt. Gerade einmal neunzehn Jahre ist sie alt, doch hinter ihr liegt bereits ein Weltkrieg. Jetzt herrscht endlich Frieden, und Henny verspürt eine große Sehnsucht nach Leben.
Drei Frauen begleiten sie auf ihrem Weg: die rebellische Käthe, Ida, Tochter aus wohlhabendem Hause, und die junge Lehrerin Lina. So verschieden die Frauen sind, so eng ist ihre Freundschaft, auch wenn diese in den kommenden Jahrzehnten oft auf die Probe gestellt werden wird.

“Töchter einer neuen Zeit” ist der erste Band aus Carmen Korns großer Jahrhundert-Trilogie. Ihre Protagonistinnen sind alle um das Jahr 1900 geboren, eine besonders geburtenstarke Zeit. Henny hat ihren Vater im ersten Weltkrieg verloren und wächst bei ihrer Mutter auf. Käthe ist bereits in ihrer Jugend als Kommunistin bekannt. Beide Frauen sind Hebammen in der Hamburger Finkenau. Lina ist Lehrerin und für ihren Bruder Lud die Bezugsperson, da beide Eltern den Krieg nicht überlebt haben. Ida wächst behütet in einer reichen Familie auf und lebt ein sorgenfreies Leben, während ihr Vater sehr konkrete Pläne für sein einziges Kind hat.
Die Wege der vier Frauen kreuzen sich im Buch nach und nach und trotz der Unterschiede entwickeln sich Freundschaften zwischen ihnen. Gemeinsam verarbeiten sie den ersten Weltkrieg,  gehen Partnerschaften ein und stehen die Wirren der neuen politischen Situationen und eines weiteren Weltkriegs durch. Ihre Leben scheinen durch Schicksalsschläge in einzelne Abschnitte unterteilt, doch immer wieder gibt es auch Schönes und Hoffnungsvolles, das sie weitergehen lässt. Beim Lesen des Buches habe ich mich immer wieder gefragt, wie viele Rückschläge ein Mensch in seinem Leben ertragen kann, bevor er einfach aufgibt. Carmen Korn zeigt mit ihrem Buch, dass es trotz allem immer weitergeht und das die Hoffnung auf ein besseres Leben manchmal ganz unerwartet auftaucht. So zum Beispiel Käthes Vater, der als Invalide nicht mehr arbeiten kann und seiner Frau das Geld verdienen überlassen muss. Doch trotz seiner misslichen Lage, lässt er keine Gelegenheit aus, seiner Frau etwas Gutes zu tun. So schenkt er ihr ein Büffet für die Küche und erfüllt ihr so einen lang gehegten Wunsch.

Trotz der bereits erwähnten Dicke des Buches, hab ich es (in sehr begrenzter Lesezeit) ziemlich schnell durchgelesen. Die Autorin hat sich dafür entschieden, das Buch sehr dialoglastig zu schreiben und ja, meiner Lesegeschwindigkeit tut das gut. Passend zu ihren Charakteren wird dabei auf zu viel Wischiwaschi in den Unterhaltungen verzichtet, die norddeutsche Kürze tut ihr Übriges. Dennoch ist das Buch hervorragend recherchiert und so sind die Themen Hyperinflation, Hitlers Machtergreifung, technische Fortschritte oder der Verlauf des zweiten Weltkriegs für Hamburg historisch getreu verarbeitet worden. Doch auch die privaten Entwicklungen in den Leben der Protagonisten passen in die Zeit. Hier hat mich beeindruckt, wie einfach es Korn gelingt, die Wege all ihrer eingeführten Figuren miteinander zu verbinden und sie wieder und wieder auftauchen zu lassen. Dafür wechselt in den einzelnen Kapiteln immer wieder die Erzählperspektive und rückt das Geschehen um eine bestimmte Person in den Mittelpunkt.

Fazit

Ein Buch, dass mich durch und durch beeindruckt hat und auch nach dem Ende noch nicht loslässt. Das liegt hauptsächlich an der beeindruckenden Geschichte, die Carmen Korn erdacht hat, aber auch an dem Cliffhanger, mit dem das Buch endet. Der zweite Band erscheint Mitte dieses Jahres und ich erwarte ihn sehnsüchtig.

Eure Maike


Carmen Korn – Töchter einer neuen Zeit
Verlag: Kindler
560 Seiten, gebunden, 19,95 €