Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte

Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte

Ab wann ist man so weiß, dass man nicht mehr farbig ist? Wer entscheidet, wann der Anteil von Weißenblut alles andere überwiegt? Ist es überhaupt das Blut oder eine Einstellung, die entscheidet, wann man mit erhobenen Schultern und furchtfreien Blick ein Geschäft betritt?
Diese Fragen verhandelt Brit Bennett in ihrem zweiten Roman Die verschwindende Hälfte anhand von Zwillingsschwestern. Desiree und Stella sind die hellhäutigsten Kinder einer sehr sonderbaren Stadt. Dieser kleine Ort namens Mallard wird nur von sehr hellhäutigen Schwarzen bewohnt, die besonders stolz auf ihre helle Haut sind. Mit Misstrauen und regelrechtem Rassismus schauen sie auf jeden dunkleren Menschen, der durch ihren Ort kommt.

Als die Zwillinge geboren werden und in dieser Stadt aufwachsen, fast blond mit sanft gewellten Haaren und sahnigem Teint, bekommen sie die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt. Sie bleiben auch lange noch Stadtgespräch, nachdem sie als Teenager plötzlich verschwinden – und als eine von beiden nach ein paar Jahren zurückkehrt, das schwärzeste Kind in den Armen, das man dort je gesehen hat.
Ab hier verzweigen sich die Geschichten. Stella entschied sich, auf die Seite der Weißen überzutreten und ihre Herkunft zu verleugnen, Desiree heiratet aus Trotz den dunkelsten Mann, den sie finden konnte. Ihre beiden Leben verlaufen sehr unterschiedlich. Doch keine ist glücklich auf dem Weg, den sie eingeschlagen hat. Und auch ihre beiden Töchter spüren instinktiv den fehlenden Teil, das Geheimnis, das ihre Familie umgibt.
Man begleitet Jude als das dunkelste Mädchen, dass Mallard seit Gründung gesehen hat. Sie wird gemobbt und ausgegrenzt, als wäre sie unter Weißen und nicht unter anderen Schwarzen, die sich aber viel auf ihre Hellhäutigkeit einbilden.
Gleichzeitig sieht man Kennedy als verwöhnte, reiche Weiße zu einer gedankenlosen jungen Frau aufwachsen. Bis zu dem Tag, als sie Jude begegnet und ihre Selbstsicherheit ins Wanken gerät.

Die verschwindende Hälfte ist ein Roman, der einen immer wieder ins Staunen versetzt: In einer Leichtigkeit werden Themen von Alltagsrassismus, Lynchmorden, Transgender und häuslicher Gewalt mit einer generationenumspannenden Geschichte verwoben. Zwar gab es ein paar Längen, doch hat dieses Buch etliche gute Figuren, die einen dranbleiben lassen. Die Figuren sind komplex und entwickeln sich über den Roman sehr interessant. Trotzdem liest es sich klar und stilistisch unterhaltsam. Genau diese Ausgewogenheit aus Ernst und Lebendigkeit machte für mich den Reiz aus. Deshalb möchte ich nun unbedingt ihr Debüt lesen. Die Mütter war 2018 ein Überraschungserfolg und liegt schon eine ganze Weile auf meinem SuB. Jetzt möchte ich es noch dieses Jahr lesen.

Eure Mareike


Brit Bennett – Die verschwindene Hälfte
Übersetzt von: Isabel Bogdan, Robin Detje
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 416 Seiten