Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Der neue Roman von Benedict Wells hat bereits einige Wellen geschlagen. Ein Wells scheint etwas besonderes zu sein, ihm wird mit Aufregung und sehr hohen Erwartungen entgegengefiebert. Ein Wunderkind, das langsam erwachsen wird. Ein Autor, der es ohne seine namenhaften Verwandten schaffen wollte und deshalb zu einem Pseudonym gegriffen hat und dann tatsächlich durch seine beeindruckende Sprache, seine ungewöhnlichen Geschichten den Durchbruch schaffte. Für mich ist es das erste Buch des Autors und natürlich war ich neugierig auf diesen mit Superlativen bedachten Schriftsteller. Denn seien wir ehrlich: bei diesem altbackenen Cover, bei dem schwülstigen Titel hätte ich ohne Vorwissen keine zwei Sekunden an das Buch verschwendet.

Benedict_Wells_Ende_Einsamkeit_Insta_Herzpotenzial01“Vom Ende der Einsamkeit” handelt von Jules und seiner lebenslangen Suche nach einem Weg aus der Einsamkeit heraus. Er fühlt sich isoliert und seltsam abseits seit dem Unfalltod seiner Eltern als er noch ein Kind war. Er und seine älteren Geschwister Marty und Liz kommen nach dem Autounfall der Eltern recht schnell in ein Internat. Mit dem Verlust und der neuen Umgebung geht jeder der drei auf ganz eigene Art um. Während sich Liz schnell mit ihrer Schönheit und recht lockeren Moral in dem Internat zu einer der beliebtesten Schülerinnen entwickelt, ist Marty der dunkele Goth, Einzelgänger und etwas sonderbar. Doch Jules fällt der Einstieg in die neue Schule schwer. Er findet für sich keine rechte Rolle und die Mitschüler bleiben auf Abstand. Doch dann lernt er Alva kennen – ein verschlossenes Mädchen aus dem Dorf, die nur für den Unterricht ins Internat kommt.
Eine intensive, wenn auch eher verborgene Freundschaft entwickelt sich. Nach der Schulzeit verlieren sich die beiden auseinander. Er studiert, versucht sich als Fotograf, doch der Durchbruch bleibt aus. Bis Jules nach vielen Jahren beschließt, seinem Leben eine neue Wendung zu geben und den Kontakt zu Alva, der einzigen Person, die ihm wirklich nah war und seine Einsamkeit durchbrechen konnte, zu finden.
Die Leben der Geschwister entwickeln sich in sehr unterschiedliche Richtungen, sie entfernen sich voneinander, nähern sich wieder an. Sie bleiben aber stets miteinander verbunden, kennen und benennen die Stärken und Schwächen der anderen.

Es ist ein melancholisches Buch voller melancholischer Figuren auf der Suche nach sich selbst, nach Geborgenheit und echter Nähe. Die Geschichte der drei gebrochenen Geschwister, die jeder für sich und doch irgendwie immer gemeinsam die Lücke der elterlichen Liebe auszufüllen versuchen, ist tragisch. Ohne Frage. Benedict Wells ist zweifellos ein sehr sprachbegabter Erzähler, ein Mensch mit außergewöhnlichem Sprachgefühl und Sinn für Bilder, die einem genau ins Herz springen. Ich war beeindruckt von der Intensität seiner Erzählweise, der feinen und ausgewogenen Wortwahl und der Sogkraft, die seine Worte erzeugen können.
Doch leider muss ich gestehen, dass ich die Intention der Figuren nicht immer ganz nachvollziehen konnte. Die Melancholie ist erdrückend und so plakativ, dass ich sie zeitweise überzogen fand. Die m.M.n. selbst gemachte Einsamkeit des Protagonisten, der eine innige Bindung zu seinem Geschwistern hat (und somit gar nicht so einsam), sich regelmäßig selbst von der Außenwelt abschottet und irgendwie aus seiner trüben Entscheidungslosigkeit nie recht in der Wirklichkeit Fuß fassen kann, ist mir eine Spur zu selbstmitleidig. Seine verschlossene, selbstzerstörerische und kommunikativ eher ungeschickte Freundin Alva agiert im gesamten Buch für mich verwirrend.
Wells erzählt hier eine Geschichte über das Leben und wie sehr es sich von den eigenen Wünschen und Sehnsüchten unterscheidet – so sehr man auch kämpft und hofft. Es gibt keinen idealen Weg – natürlich nicht und es gibt auch nicht immer ein Happy End. Dieses Buch erzählt vom Scheitern, aber auch von neuen Chancen und Wegen. Jules scheint sich selbst in seinem eigenen Leben nie wirklich wohl zu fühlen und schlussendlich sieht man einem Mann dabei zu, wie er viele Chancen verpasst glücklich zu werden.

Ich las beim Literatur Spiegel folgenden Satz: “Mit Anfang dreißig schreibt Wells wie ein alter Meister”.
Danke Spiegel, danke Martin Wolf! Genau das ist mein Eindruck. Ich sehe das aber weniger im positiven Sinne: Diese traurige, schleppende Behäbigkeit liest sich irgendwie angestaubt – alt. Ich bestreite nicht das Talent von Wells, doch von einem jungen Mann von knapp dreißig erwarte ich etwas mehr Feuer, Innovation, Moderne. Ist das nicht auch schon wieder Klischee? Mag sein. Doch eine Sarah Kuttner trifft mich und mein Lebensgefühl eher. Sie schlägt bei mir eine Saite an, die Wells genauso wenig erreicht, wie es ein Walser erreicht.

Fazit

Melancholie pur, teilweise ein wenig muffig – für mich leider oft ein wenig zu altbacken und wäre nicht diese unbeschreiblich schöne und zarte Sprache gewesen, hätte ich den Weg von Jules, Alva, Marty und Liz wohl nicht bis zum Ende begleitet.
Vielleicht sollte ich lieber zu einem anderen, heiteren Buch von Wells greifen. Dieses konnte mich nicht endgültig überzeugen.

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Eure Mareike


Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit
Verlag: Diogenes
Gebunden, 368 Seiten, 20 Euro