Astrid Lindgren – Mio, mein Mio

Astrid Lindgren – Mio, mein Mio

Mir wurde als Kind „Mio, mein Mio“ nicht vorgelesen. Meine Mutter meinte: Zu düster, zu traurig und irgendwie gestelzt. Eine Meinung, die ich in den vergangenen Jahren häufiger hörte. Doch als diese Neuillustration von Johan Egerkrans rauskam, wurde ich neugierig und wollte mir selbst eine Meinung bilden.

Es ist ein poetisches Märchen über einen Jungen mit einer großen Bestimmung. Dieser Junge, der früher Bosse genannt wurde, aber nun ins ferne Land zum König gerufen wird, heißt Mio. Sein Vater, der König, nennt ihn mit viel Wärme und Zuneigung in der Stimme stets: Mio, mein Mio. Der neue Freund heißt Jum-Jum, die zu überquerende Brücke ist die des goldenen Morgenlichts und auch sonst ist der Stil des Buches eine Mischung aus märchenhaftem Stil und kindlichem Pathos. Alles heißt wundersam, erinnert an Märchen aus alten Zeiten und ist recht geradlinig in der Handlung und pathetisch im Stil. Kein Wunder, dass viele die Geschichte entweder lieben oder gar keinen Bezug dazu fanden. Mir fiel es auch zunächst schwer, mich auf diesen etwas ungewöhnlichen Stil einzulassen. Die Bücher von Astrid Lindgren haben sich für mich immer durch ihre Zugänglichkeit ausgezeichnet. Ob mit 4 oder 12 oder 28 Jahren: Man verstand den Kern der Geschichte, entdeckte etwas für sich und konnte leicht dem Stil folgen. Die Sprache ist eher eingängig und heiter. Ich denke hier an Madita oder Ronja Räubertochter, die man als Kind leicht selbst lesen kann.

Bei „Mio, mein Mio“ ist es ein wenig anders. Dieses Buch ist nicht das leichte Bullerbü, die freche Krachmacherstraße oder die verrückte Villa Kunterbunt. Im fernen Land von Mios Vater gibt es Trauer, Not und Vernachlässigung, Kinder werden nicht geliebt oder von düsteren Rittern geraubt und verwandelt. Hier ist eine Geschichte, die fast aus dem Spiel von Kindern entsprungen sein könnte: Mio muss aufbrechen und den bösen Ritter Knut im benachbarten, düsteren Land besiegen und die entführten Kinder befreien. Sein steinernes Herz muss er mit einem Schwert durchstoßen – so will es die jahrtausendealte Prophezeiung.

An sich eine geradlinige, fast plakative Geschichte. Doch liegt ein dünner Firnis darüber. Ein Firnis von Melancholie. Man ist sich stets nicht sicher, ob die Erzählung gut ausgeht, ob nicht doch jemand stirbt, ob Mio nicht längst aus dem Himmel die Geschichte erzählt. Und zugleich reißt das Märchenland-Setting immer wieder auf, indem Mio auf sein altes Leben als vernachlässigtes Pflegekind verweist, auf die zurückgelassenen Freunde, auf die Suchmeldung im Fernsehen.

Die Illustrationen von Johan Egerkrans fangen diese düstere, kantige Melancholie sehr gut ein. Die Figuren sind härter, kantiger und haben alle etwas Trauriges in ihrem Blick. Sie unterscheiden sich klar von anderen Lindgren-Figuren; von der wilden bunten Pippi, der verträumten Laura aus Bullerbü und der zotteligen Ronja Räubertochter. Sie alle haben keine von der Last der Verantwortung gebeugte Schultern – Mio schon. Auch seinem Vater sieht man die Sorge und Trauer der vergangenen Jahre an. In kräftigen Farben und an epische Heldensagen erinnernden Posen sieht man Mio, die finsteren Ritter und die anmutigen magischen Pferde wie aus einer fernen Vergangenheit. Ein interessanter neuer Blick auf ein eher untypisches Lindgren-Buch.


Astrid Lindgren – Mio, mein Mio
Illustrationen von Johan Egerkrans
Übersetzt aus dem Schwedischen von Karl Kurt Peters
Verlag: Oetinger
Gebunden, 142 Seiten