An Yu – Unter Wasser atmen

An Yu – Unter Wasser atmen

Jia Jia ist eine junge Pekingerin, die eines Morgens alle Gewissheiten verliert. Sie findet ihren Mann leblos in der halbvollen Badewanne – scheinbar ertrunken. Neben ihm ein Zettel mit einer merkwürdigen Zeichnung eines Halbwesens – halb Mann und halb Fisch. Nun ist die junge Witwe auf sich allein gestellt. Muss sich ihrem neuen Witwenleben, der ungeahnten Freiheit, der ungewissen Zukunft stellen und für sich allein entscheiden, wie ihr Leben künftig aussehen soll.

Schnell findet sie im Barbesitzer Leo einen Mann für einsame Stunden und einen ausgezeichneten Zuhörer Auch ein eigenes Einkommen tut sich nach einigen Stolpersteinen auf. Doch in Jia Jias Kopf spukt die Zeichnung des Fischmannes nach wie vor herum.

Alles deutet auf einen merkwürdigen Zwischenfall in Tibet hin. Eine Reise, die ihr Mann einst dorthin unternommen hat. Sie spürt, dass mehr dahinter steckt und sie ihr neues Leben nur für sich frei und leicht gestalten kann, wenn sie der Verbindung zu diesem Wesen auf den Grund geht.

Dieser Roman ist voller Symbolkraft. Er scheint eine einzige große, in sich verschlungene Analogie auf eine erstickende Ehe zu sein – vielleicht auf die Ehe an sich? Ich weiß es nicht so recht. Doch es macht Spaß, Jia Jia auf ihrem Weg zu einer selbstbewussten und selbstständigen Frau zu begleiten. Die Erzählsprache ist klar und hat überraschend wenig Schnörkel. Deshalb treffen einen die mehrdeutigen Passagen immer etwas unvorbereitet und zugleich mit besonderer Wucht. Selten hat mir ein Buch so glaubhaft ein Gefühl vermittelt – ein Gefühl von Atemlosigkeit und Druck, wie nach einem Sprung vom Beckenrand.

Ungewöhnlich und mit einer schlichten, aber tiefen Wahrheit darin: Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.


An Yu – Unter Wasser atmen
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Verlag: dtv
Gebunden, 230 Seiten