Alte weiße Männer – Sophie Passmann

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Als klar war, dass Sophie Passmann ein Buch über alte, weiße Männer schreiben würde, wurde ich im vergangenen Jahr sehr hellhörig. Die Kritik, die ihr deshalb bereits im Vorfeld entgegenschlug, schoss mir ebenfalls zunächst durch den Kopf. Noch ein Buch über privilegierte Männer? Ist die Literaturgeschichte nicht voll von Büchern, die die Perspektive des weißen, gebildeten, mächtigen Mannes wiedergibt und dadurch tradiert, ja quasi zur unumstößlichen Geschichtsschreibung macht?

Erst kürzlich habe ich “Kick-Ass Women” gelesen und dadurch noch einmal intensiver gelernt, wie sehr Geschichtsschreibung durch die männliche, patriarchale Sichtweise geprägt ist. Und auch heute sind es ja immer noch mehr männliche Schriftsteller, die den literarischen und auch wissenschaftlichen Diskurs bestimmen. Von der Politik oder den deutschen Medien wollen wir hier gar nicht erst anfangen.

Warum also wählt Sophie Passmann dieses Sujet aus? Was gibt es über den alten weißen Mann noch zu sagen und was hat er zu sagen?

Gemeinsam mit meinem Mann habe ich das Buch gelesen und auch eifrig diskutiert. Er war neugierig auf das Buch, kennt Sophie aus dem Neo Magazin Royale und war bereit, es mit mir gemeinsam zu lesen – eine große Seltenheit.
Doch vielleicht liegt hier der erste sehr kluge Schachzug der Autorin. Sie gibt Männern das Gefühl: Das ist kein Buch über Feminismus, darin geht es um uns!
Auch wenn mein Mann und anscheinend kaum ein Mann sich grundsätzlich als alten weißen Mann bezeichnen würde, weckt es Interesse.

Was ist das, ein alter weißer Mann?

Dieser Kernfrage nähert sich Sophie Passmann mit einer Mischung aus soziologischem Versuchsaufbau und ironischem Erlebnisinterview. Sie interviewt eine Reihe von Männern, von “definitiv alter weißer Mann” bis “moderner Feminist” und einer Menge dazwischen.

16 Männer aus Politik, Medienwelt, Wissenschaft, Sport und schließlich ihr Vater werden alle gefragt, was für sie ein alter weißer Mann ist. Und die Antworten sind so vielfältig wie die Männer selbst – eins ist nur klar: Sie selbst sind es auf keinen Fall!
Ironisch zurückhaltend lässt die Autorin den ein oder anderen Interviewten sich selbst demontieren, fördert insgesamt aber wenig Überraschendes zutage. Zumindest nicht für FeministInnen, die sich schon länger mit dem Thema und den dahinterstehenden Bewegungen auseinandersetzen.

Doch genau deshalb war es gut, meinen Mann als Korrektiv, als Zweitleser zu haben. Für ihn war das Buch weitaus mehr: Er hat sich erstmals wirklich mit dem Thema Privilegien (er ist weiß, ein Mann) auseinandergesetzt und aus dem Buch einige Themen mitgenommen, die er sonst eher am Rande durch mich mitbekommen hat.

Ist dieses Buch also für jeden ein Muss? Das kommt drauf an.
Es ist super, um mit der Spezies des alten weißen Mannes ins Gespräch zu kommen. Es kann ein wunderbarer Einstieg in das Thema Feminismus sein. Das Buch ist unterhaltsam und kurzweilig geschrieben. Es kommen etliche Männer zu Wort, die sich sonst nicht zu diesen Themen äußern.
Doch wer sich schon etwas mehr mit der Thematik Feminismus beschäftigt hat, wird wenig Neues in diesem Buch finden. Er wird gut unterhalten – das steht außer Frage. Und wenn man sich nicht mehr von diesem Buch erhofft, dann kann man ein paar nette Stunden damit verbringen, wie sonst sehr mächtige Herren ins Rudern kommen, weil sie sich auf neues Terrain begeben.

Eure Mareike


Sophie Passmann – Alte weiße Männer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Klappenbroschur, 288 Seiten

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2 Comments

  1. Bri says:

    Danke für Deine Eindrücke. Ich bin mir sicher, dass das Buch wichtig ist, aber gerade die Männer, die es lesen sollten, werden es wohl nicht lesen. Mein Mann würde sich vllt. nicht als alt bezeichnen, das ist er halt einfach auch noch nicht ;) weiß aber sehr genau, dass er als Mann und als Weißer Privilegien besitzt, die Frauen und PoC nicht haben und ist, wenn ich mich in meinem Umfeld so umschaue, nicht der einzige, dem das bewußt ist, aber einer der wenigen, die schon immer von sich aus darauf geachtet haben, das zu ändern. Vielleicht auch, um sich von seinem Vater abzusetzen, der definitiv ein alter weißer Mann ist … unser Lütter soll deshalb auch kein toxisches Männlichkeitsbild entwickeln, was, wie er uns häufig erzählt, in der Schule (er ist jetzt in der fünften) durchaus schon Thema innerhalb der Jungsgemeinschaft ist. Was da von vornherein für ein Druck entsteht, ist krass. Da liegt noch einiges an Arbeit vor uns ;) Also ich werde mir das Buch auf jeden Fall ansehen … Danke. LG, Bri

    1. Mareike says:

      Hallo Bri,
      das finde ich spannend: Sprechen die Jungs über toxische Männlichkeit oder wird da ein toxisches Männerbild angestrebt?
      Viele Grüße
      Mareike

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