Alt und doch neu verliebt: Alice im Wunderland

Alt und doch neu verliebt: Alice im Wunderland

Rezension zur Neuausgabe

Alice im Wunderland ist eines meiner Herzensbücher. Es begleitet mich in unterschiedlichen Ausgaben schon seit meiner Kindheit. Sind wir ganz offen: In meiner Kindheit hat mich sehr die Disney-Verfilmung geprägt und das Buch habe ich immer wieder versucht zu lesen, bin aber nur schwer reingekommen. Erst in späteren Jahren fiel es mir leichter, mich auf die teilweise merkwürdigen Wendungen und Geschichten, die ins Leere laufen, einzulassen.

Denn Alice ist bei weitem nicht so stringent, wie man es nach einer der zahlreichen Verfilmungen glauben mag. Man wird zurückgeworfen, durch Gedichte gejagt, sitzt in Höhlen mit merkwürdigen Figuren und hört die seltsamsten Erzählungen.

Auch wenn sich die Übersetzung von Christian Enzensberger (1963!) sehr flüssig lesen lässt, muss er doch an einigen Stellen Worte biegen und dehnen, neu erfinden und an anderer Stelle entleihen. Das stellt beim Vorlesen vor Herausforderungen, genauso die Tatsache, dass das Buch erstmals 1865 erschienen ist und in seiner Wunderwelt eine völlig andere Zeit und eine Staatsform karikiert, die heutige Kinder so nur schwer ohne ein wenig Einordnung nachvollziehen können.

Doch warum ist dieses Buch dann trotzdem so ein Faszinosum, das bis in die heutige Zeit die Popkultur prägt und Künstler*innen wie die Illustratorin Valeria Docampo inspiriert, sie immer wieder neu zu interpretieren? Diese bezaubernde Neuausgabe zeigt es eigentlich sehr gut: Alice ist das pure Staunen. Ihr Blick auf die Welt, die ihr manchmal verdreht, verrückt und ganz und gar merkwürdig erscheint, ist der eines jeden Kindes. Ein Kind kann dieses Gefühl sehr gut nachvollziehen und es ist ein absolut universales, zeitloses Gefühl. Auch nach über 150 Jahren kann man sich in die mal zu großen, mal zu kleinen Fußspuren von Alice hineinfühlen. Und man bekommt Mut: Mut sich der Welt und der offensichtlichen Ungerechtigkeit entgegen zu stellen, wie sich Alice der roten Königin entgegen stellt. Ihr widerspricht, auch wenn sie vielleicht zu klein und in der Unterzahl ist: Sie hat eine Meinung und ihre Grenzen.

Es ist ingesamt ganz erstaunlich, wie sie sich erhobenen Hauptes durch eine ihr völlig fremde Welt bewegt, ihren Werten treu bleibt und sich nicht verunsichern lässt. Das hat mich schon von klein auf an dieser außergewöhnlichen Heldin fasziniert und ich merke, dass es meiner Tochter genauso geht. Man kann auch heute noch eine Menge aus diesem Buch ziehen und die Wunderwelt zur eigenen machen.

Das hat auch die Illustratoren geschafft. So ist es Valeria Docampo sehr gut gelungen, mit Akzenten in Knallfarben, dem Einsatz von Stempeln und ungewöhnlichen Perspektiven das Buch ins 21. Jahrhundert zu holen. Sie spielt mit Flächen und Perspektiven, schafft mit dem Einsatz von Blau und Pink eine ganz neue Farbsymbolik und somit auch für mich einen neuen Zugang zum Buch.

Denn wenn ich heute Alice im Wunderland aufschlage, dann fühle ich es wieder – dieses Staunen auf die Welt. Ich vergewissere mich wieder, dass ich nicht alles begreifen, nicht alles erklären muss, um einen Platz in dieser Welt haben oder mitreden zu dürfen.

Die neue Ausgabe transportiert für mich dieses Gefühl sehr gut und darum erhält sie in meinem Regal einen Ehrenplatz.

Eure Mareike


Lewis Carroll und Valeria Docampo – Alice im Wunderland
Aus dem Englischen von Christian Enzensberger
Verlag: MixtVision
Gebunden, 124 Seiten