Adeline Dieudonnè – Das wirkliche Leben

Adeline Dieudonnè – Das wirkliche Leben

Dieses Buch bescherte mir eine schlaflose Nacht. Denn als ich es anfing, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Es passiert mir eher selten, dass ich ein Buch in einem Rutsch durchlese. Doch der Erzählstil von Adeline Dieudonnè hat mich nach wenigen Seiten komplett gefesselt. Und dieses Buch ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Ein wenig wie ein Horrorfilm, nur direkt in deinem Kopf!

Der Klappentext verspricht eine explosive Coming-of-Age-Geschichte um ein Mädchen, das sich aus der weiblichen Opferrolle befreit. Das beschreibt nicht annähernd, was in diesem Buch passiert. In einer scheinbar gediegenen Siedlung am Waldrand wächst ein Mädchen in einer dysfunktionalen Familie auf. Der brutale Vater lässt seine Wut meist an der Mutter, aber als passionierter Jäger auch an exotischen Tieren aus. Die Mutter wird als farblose Amöbe (grandios!) bezeichnet, die so gut es geht versucht, nicht vom Vater bemerkt zu werden. Nur sie und ihr Bruder bilden eine innige, liebevolle Beziehung. Eine heile kleine Welt zwischen diesen beiden extremen Eltern. Doch nach einem traumatischen Ereignis verliert sie Stück für Stück die Verbindung zu ihrem Bruder.

Das traumatische Ereignis hat es wirklich in sich – ich selbst las bis zu dieser Stelle eher mäßig interessiert, leicht amüsiert über die Wortwahl und die Figurenbeschreibungen. Doch dann knallt es, und zwar gewaltig. Ab da war ich hellwach und konnte kaum noch atmen. Denn es wird von Seite zu Seite heftiger. In einer wilden Spirale schraubt sich die Geschichte in einen wahren Horrortrip, der durchaus mit einigen Horrorshlashern mithalten kann.

Gleichzeitig durchläuft das Mädchen eine faszinierende, unglaublich gut beschriebene Entwicklung zu einer selbstbewussten jungen Frau, die ihren eigenen Wert und ihre Fähigkeiten kennt. Sie ist ausgesprochen talentiert in den Naturwissenschaften und bekommt abseits der Schule Förderung durch einen Professor, verliebt sich in den Mann ihrer Nachbarin und plant, das Zeitreiseparadoxon aufzuheben.


Dieses Buch ist wirklich filmreif geschrieben, sodass man atemlos zur letzten Seite sprinten will. Wie im Rausch bin ich durch die Seiten geglitten, habe mich geekelt, war geschockt, habe voller Faszination jeden so kraftvollen Satz genossen und lag danach noch lange wach. Hoffentlich ist das NICHT das wirkliche Leben, sondern nur ein wilder Traum einer jungen, sehr talentierten Schriftstellerin.

Eure Mareike


Adeline Dieudonné – Das wirkliche Leben
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Verlag: dtv
Gebunden, 240 Seiten